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Beitrag aus Berghilf-Ziitig Nr. 65, Herbst 2009 «Willkommen in der Fabrik!» Senn Fritz von Känel begrüsst seinen Besucher mit einem herzhaften Lachen und einem Augenzwinkern in der neuen «Chäsi». «Fabrik»? Die urtümliche Sennhütte mit Stall, Wohnteil und angebauter Käserei auf 2027 m ü. M. ist alles andere. Auf einem Hochplateau unweit des Schilthorns gelegen, wird die Alp Hohkien auf drei Seiten von mächtigen Gipfeln gesäumt. Viel Wasser speist die saftigen Weiden – zur Freude des Viehs. Im Nordwesten fällt das Gelände steil über eine Felsfluh ab. An deren Fuss haben sich pfeifende Murmeltiere eingerichtet.
Ohne Helikopter kein Käse-«Chessi» «Diese Alp ist meine zweite Heimat», sagt Fritz von Känel. Seit früher Kindheit arbeitet der 53-Jährige während der Alpsaison hier oben. Auf dem eigenen Hof in Aeschiried/BE ist er nur zwischendurch, um gemeinsam mit seinem ältesten Sohn zu heuen. Schon sein Grossvater und sein Vater sömmerten hier oben die Kühe. 1983 haben Fritz und Ehefrau Barbara von Känel auf Beschluss der 19-köpfigen Alpkorporation hin die Verantwortung für den abgelegenen Alpbetrieb übernehmen können. Heuer aber, in ihrem 27. gemeinsamen Alpsommer, ist für Fritz und Barbara nicht mehr alles so, wie es schon immer war: Bereits letzten Oktober begannen die Bauarbeiten für die Erweiterung der bestehenden Sennhütte, um darin eine modernisierte Alpkäserei einrichten zu können. «Wir waren gerade mit dem Anbau fertig, da fing es an zu schneien», erzählt Fritz von Känel. Bis Anfang Juni blieb dann der Schnee liegen. Dann endlich konnte die Fertigstellung der neuen «Chäsi» in Angriff genommen werden. «Das meiste Material konnten wir mit der kleinen Transportseilbahn hochbringen, doch das neue ‹Chessi› und der Beton für das Fundament mussten mit dem Helikopter hergeflogen werden.» Das Erneuerungsprojekt bedeutete für die Korporationsmitglieder einen Sondereinsatz, der über die normale Arbeitspflicht hinausging, die jedes Mitglied zu leisten hat. Doch zahlreiche Helfer packten mit an, und im Frühsommer war die Alp schliesslich bereit für 35 Kühe, 120 Rinder, fast 400 Schafe und eine Handvoll Ziegen.
Zurück zu den Wurzeln Die ersten Käselaibe, die nun den Lagerraum neben der Haupthütte füllen, tragen das Datum des 1. Juli. Von Känels stellen vorwiegend Berner Alpkäse her, der das Gütesiegel «AOC» (Appellation d’Origine Contrôlée) trägt und sechs Monate reifen muss. Dazu kommen die Sennenmutschli und eine weitere Spezialität der von Känels: ein Geisskäse, den Barbara mit Alpschnittlauch anreichert. Das AOC-Label für den Berner Alpkäse war denn auch der Grund für die Erneuerung der Käserei. Die Kriterien sind streng. Sie regeln nicht nur, welche Bakterienkultur fürs Käsen verwendet werden darf, und unter welchen Bedingungen der Käse zu reifen hat: Zentrale Vorschrift ist auch, dass die Käserei vom Wohnteil getrennt ist und das Käse-«Chessi» mit Holz befeuert werden muss. «Hätten wir nach Ablauf der Übergangsfrist nicht von Gas auf Holz umgestellt, wären wir das AOC-Label losgewesen », erklärt Alfred Thönen, der Präsident der Alpkorporation. «Es ist eine riesige Genugtuung, dass unser Alpkäse dank der neu angebauten Käserei weiterhin das AOC-Zeichen tragen kann», sagt er, denn: «Sonst wären die Einkommenseinbussen zu gross gewesen. Drei bis vier Franken weniger Erlös pro Kilo hätten wir nicht verkraften können.» Die Modernisierung der Alp war ein nötiger Schritt, den die Alpkorporation jedoch alleine nicht hätte machen können, ist sich Alfred Thönen bewusst. «Wir sind der Schweizer Berghilfe sehr dankbar, dass sie uns bei diesem Projekt entscheidend unterstützt hat.» In der «Chäsi» wirft Fritz von Känel derweil einen Blick auf das Thermometer: 51 Grad, die Milch im riesigen Kupferkessel hat die ideale Temperatur erreicht. Schnell dreht er den Hahn zu, und die Verbindung zwischen Holzofen und «Chessi» ist unterbrochen. Die überschüssige Wärme verpufft nicht einfach. Sie speist nun den roten Boiler, der 500 Liter Wasser zu fassen vermag. «Es hat schon ein paar Tage gebraucht, bis wir die neuen Handgriffe verinnerlicht hatten», meint Fritz von Känel, während er sich ans Ausrühren der Milch macht, «aber allmählich kommt die Routine.»
Auch im Sommer kann es schneien Der Älpleralltag ist reich befrachtet. Er beginnt um halb sechs Uhr früh. Der erste Gang führt Fritz von Känel in den Lagerraum für die Käsepflege: Die jüngsten der grossen, rund acht Kilo schweren Laibe müssen aus dem Salzbad geholt, die schon älteren Käse gedreht und geschmiert werden. Danach ist es höchste Zeit, die Transportseilbahn in Gang zu setzen. Dicht am Abgrund befindet sich die Bergstation. Fritz von Känel hat am Vorabend weiter unten Brennholz in der Materialgondel verstaut, das er jetzt bergwärts führt. Umgekehrt wird Barbara von Känel die Wäsche am Nachmittag ins Tal transportieren, um sie bei einem der Abstecher zum eigenen Hof in Aeschiried zu waschen. Die einfache Seilbahn führt seit 1948 vom Spiggengrund zur Alp Hohkien. «Kürzlich habe ich meinem Vater erzählt, dass das ‹Hochseilen› des Brennholzes für uns einen zusätzlichen Aufwand bedeutet, hier oben über der Baumgrenze», erzählt Fritz von Känel. «Er hat nur geschmunzelt und gemeint, früher hätte man ja auch das noch auf dem Rücken den Berg hochgetragen.» Zurück in der «Chäsi» lodert schon bald das Feuer im neuen Ofen. Fritz von Känel macht sich zum Melken auf in den Stall. Dank dreier Schüler, die in ihren Sommerferien auf der Alp mithelfen, sind die Kühe bereits von der Weide zurück und an ihrem Platz. Diese Unterstützung ist besonders wertvoll, da sich eine Hilfskraft beim Hirten auf der Alpweide an den Bändern verletzt hat und für unbestimmte Zeit ausfällt. Immer wieder passieren unvorhergesehene Dinge auf der Alp, mit denen sich Fritz und Barbara von Känel arrangieren müssen. «Die schlimmste Erfahrung war, als unser Sohn verunfallte», erzählt Barbara von Känel. «Es war vor fünf Jahren, als er im steilen Aufstieg zur Alp in ein Bachbett stürzte und sich ernsthaft verletzte.» Wie durch ein Wunder erholte er sich vom Sturz. Aber auch Naturereignisse erfordern schnelle Entscheide und die Fähigkeit zu improvisieren, etwa wenn mitten im Sommer Schnee fällt. Ganz anders war die Lage im «Dürresommer» 2003, als man aus Solidarität mit den Bauern im Unterland einige Rinder mehr mit auf die Alp nahm, die vom reichlich vorhandenen Wasser profitierten. Vorfreude auf die «Chästeilet» Es geht auf die Mittagszeit zu. Die Sonne steht hoch über dem Kranz der felsigen Berggipfel. Bis halb zehn Uhr ist Fritz von Känel mit Käsen beschäftigt gewesen. Fünf grosse Pressrahmen gefüllt mit dem Käsebruch liegen nun in Schraubstöcke eingespannt auf dem Presstisch in der Käserei. Barbara von Känel kommt von einer Nebenhütte zurück, die sie für Feriengäste hergerichtet hat. Früher wurde die Alp Hohkien noch von zwei weiteren Sennen bewirtschaftet. Deren Alphütten stehen nun leer und werden von der Alpkorporation vermietet. Und auch Wanderer, die auf dem Weg zum Schilthorn hier entlangkommen, machen gerne auf diesem idyllischen Fleck Rast oder bleiben sogar über Nacht im einfachen Matratzenlager. Barbara von Känel sorgt mit «Älpler- Magronen» für das passende, schmackhafte Essen. Niemand lässt es sich natürlich nehmen, vom köstlichen Alpkäse zu probieren, und manch einer tritt mit einer gehörigen Portion davon den Abstieg ins Tal an. Für die Korporationsmitglieder erfolgt die Bescherung am Ende des Alpsommers. An der «Chästeilet», die im Talboden beim Unterstafel «Gruenerli» gefeiert wird, werden die etwa 250 sorgfältig hergestellten Käselaibe von Fritz von Känel an die zehn aktiven Mitglieder überreicht – je nach Milchertrag ihrer gesömmerten Tiere, von denen der Senn selber den grössten Teil stellt. Für den Absatz ist dann jeder Bauer selbst verantwortlich. Die meisten verkaufen den kostbaren Alpkäse an lokale Käsegeschäfte oder direkt auf dem Markt. Der Käseverkauf ist für sie eine wichtige Einnahmequelle. Präsident Alfred Thönen blickt mit Vorfreude auf die erste «Chästeilet» nach dem Umbau der Alp Hohkien. Und zusammen mit von Känels freut er sich auch schon auf den nächsten Alpsommer: «Für uns hat die Zukunft begonnen.»
Dieser Beitrag stammt aus der Berghilf-Ziitig Nr. 65, Herbst 2009
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